

Meine ersten Begegnungen mit dem Enneagramm waren nicht sonderlich spektakulär. Hätte mir seinerzeit jemand gesagt, dass die Idee des Enneagramms eines Tages zu einem so wichtigen Bestandteil meiner Auffassung vom menschlichen Zusammenleben werden könnte, wie das heute der Fall ist, hätte ich es nicht geglaubt.
Die für mich größte Entdeckung im Zusammenhang mit dem Enneagramm war die Tatsache, dass die Menschen vollkommen unterschiedlich sind und keineswegs alle so wie ich denken, fühlen, handeln und interpretieren (müssen). War ich bisher davon ausgegangen, dass Personen, die mich nach lösungsorientierter Beratung fragten, doch nur erstens dies und zweitens das zu tun brauchten, und schon seien sie in der Lage, ihre Probleme zu bewältigen, wurde mir erst allmählich klar, dass „meine“ guten Vorschläge und Erfahrungen noch lange nicht für jede(n) anderen gelten müssen. Was sich hier so selbstverständlich anhört, war für mich eine wirklich großartige, nur langsam wachsende Erkenntnis. Das Enneagramm hilft mir dabei, die Unterschiedlichkeit zu erkennen und – eine für mich wesentliche Erkenntnis – die Andersartigkeit der anderen zu schätzen und nicht zu verurteilen und abzulehnen.
Für mich, als Mensch des Musters EINS, hat die Ordnung einen besonderen Stellenwert. Dies bezieht sich sowohl auf Äußerlichkeiten als auch, und das hat sich mir erst allmählich erschlossen, auf eine innere Ordnung. So sitzt auf meinem „inneren Arm“ als stets anwesendes Regulativ ein Adler, der mich wachsam beäugt und mir jederzeit meldet, ob ein Ereignis, ein Gedanke, ein Erlebnis, kurz eine aktuelle Wahrnehmung, gut oder schlecht ist, ob sie erlaubt oder regelwidrig ist ...
Das Enneagramm hat mich gelehrt, mit dieser „Strenge“ in meiner Persönlichkeit versöhnlich umzugehen, sie weniger als Geißel zu erleben, sie vielmehr als eine Eigenschaft unter vielen zu integrieren und nicht mit ihr zu hadern. Damit bin ich in der Lage, meinen Mitmenschen wirklich „Verständnis“-voll und tolerant zu begegnen, mein „Alter Ego“ im Zaum zu halten.
Um das Verständnis der Lehre Martin Bubers und der auf das Enneagramm angepassten 12 Schritte der Anonymen Alkoholiker ergänzt, vollendet sich für mich im Enneagramm eine Weltsicht, mit der es sich gut leben lässt. In einer Zeit der ausgefeilten Technik, der „wesenlosen“ Kommunikation und daraus resultierender zunehmender Anforderungen an alle Menschen gewinnt die wahre Begegnung, die sich durch Respekt, Interesse und Verständnis des Nächsten auszeichnet, immer mehr an Bedeutung. Mit der Kenntnis um das Enneagramm wird es möglich, sich wieder gegenseitig zu sehen, zu fühlen und zu verstehen. Diese wertvolle Erfahrung teile ich seit einigen Jahren mit fast 30 Menschen und wir alle sind auf dem Weg, sie weiter zu verbreiten.
„Kommt (wieder), es hilft“
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