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Mein Weg mit dem Enneagramm

Das Enneagramm lernte ich vor fast fünf Jahren im Rahmen einer Fortbildung beim Deutschen Verein kennen. Richtigerweise muss ich sagen, dass ich es dort erlebte, denn ich hatte vorher schon einige Bücher von Helen Palmer zum Enneagramm gelesen. Die Lektüre fand ich interessant, aber zur weiteren Beschäftigung mit dem Enneagramm führte sie nicht.

Ich befand mich zu dieser Zeit in einer Phase des Umbruchs und der Neuorientierung, ausgelöst vor allem durch eine Panikstörung, die die Fortführung meines ganzen bisherigen Lebens in Frage stellte. Ich hatte mit einer Gesprächstherapie begonnen, praktizierte buddhistische Meditation in einer Gruppe und beschäftigte mich schon lange und intensiv mit den verschiedensten metaphysischen und spirituellen Themen. Ich wollte wissen, welchen tieferen Sinn mein Leben und das Leben überhaupt hatten und war entsprechend auf der Suche. Ich war überzeugt, dass meine Zurückgenommenheit, meine Probleme mit Beziehungen und meine sonstigen Probleme ihre Wurzeln in (früh-)kindlichen Erfahrungen hatten und durch die Therapie zu verändern seien.

So kam ich in meine erste Fortbildung bei Wilfried Reifarth. Ich kam mit geringen Erwartungen. Fortbildungen der gewöhnlichen Art interessierten mich nicht besonders; ich hatte nicht das Gefühl, dort etwas wirklich Wichtiges zu lernen. Und dann war diese Fortbildung von Anfang an so ungewöhnlich, dass ich nur völlig gespannt und fasziniert das Geschehen verfolgte. Ich hatte schon ganz früh das Gefühl, angekommen zu sein. Ich war unendlich dankbar, dass ich hier nicht mit berufspraktischem Wissen zugeschüttet wurde.

Ich fühlte mich durch die Art des Lernens in der Großgruppe, die Texte von Martin Buber und die konkreten Erfahrungen in der Gruppe bezüglich des Enneagramms tief berührt; ich war bis ins Mark getroffen und aufgewühlt. Ich hatte das Gefühl, Antworten auf bislang für mich unbeantwortbare Fragen zu finden und mich selbst und die anderen Menschen plötzlich wirklich sehen zu können. Die fünf Seminartage waren ein Geschenk, auch wenn ich mich in diesen Tagen meinem Muster nicht eindeutig zuordnen konnte. Ich erlebte tatsächlich die Anderheit der Anderen, ich empfand tiefe Trauer bezüglich der eigenen Begrenztheit und der der Anderen und fühlte, wie diese Anderheit, die eigene Begrenztheit, uns trotz allem verbindet. Ich konnte tiefe Liebe und tiefes Mitgefühl empfinden und fühlte mich den anderen Mitgliedern der Gruppe, den Menschen und der Welt insgesamt, sehr nahe und verbunden.

Wieder zuhause angekommen, merkte ich, wie diese Tage in mir arbeiteten. Ich konnte stundenlang über mein Sosein und das der anderen weinen. Es war gut, in meiner Therapie mit einem spirituell sehr aufgeschlossenen Menschen, der außerdem auch enneagrammatisch bewandert ist, über die Erfahrungen der fünf Tage sprechen zu können. Es wurde mir immer bewusster, wie wichtig es für mich war, in Kontakt zu anderen Menschen zu treten, in Beziehung zu sein und dass die Intensität dieser Erfahrungen meine bisherigen übertraf. Gleichzeitig hatte ich jedoch eine riesige Angst und Abneigung davor, und ich tat automatisch und unbewusst fast alles, solche Erfahrungen zu vermeiden. Es wurde mir auch deutlich, dass meine biographischen Erfahrungen dieses Muster, die dabei wirkenden innerseelischen Kräfte und seine relative Unveränderbarkeit nur unzureichend erklärten. Die Erfahrungen der ersten Fortbildung beim Deutschen Verein wirkten so nachhaltig in mir, dass ich mich für das kommende Jahr dort wieder zu einer Fortbildung anmeldete.

Die zweite Enneagrammfortbildung war für mich noch intensiver als die erste. In diesen Tagen fand ich mein Muster definitiv bzw. konnte es klar erkennen. Es war ein erschütterndes Erlebnis, ein wunderbares Gefühl des Zuhause-Angekommen-seins (ich war nicht allein, es gab noch andere, ganz wunderbare, Menschen, die wie ich dachten, fühlten und erlebten), welches einherging mit einer grenzenlosen Trauer über die eigene Eingeengtheit und auch die der anderen, die auf ihre Weise in ihren Mustern litten. Auch in diesen Tagen war das zentrale Thema die Erkenntnis meines Soseins und die Anderheit der Anderen, die ich in diesen Tagen nicht trennend, sondern auf sehr intensive Weise verbindend erlebend durfte. Diese Verbundenheit erfahren zu dürfen, waren für mich zutiefst spirituelle Momente, wie ich sie vorher so mit anderen Menschen noch nicht erlebt hatte.

Die Tage wirkten wieder sehr lange nach. Immer deutlicher konnte ich meine eigene Begrenztheit, meinen eingeschränkten Blickwinkel der Welt und des Lebens wahrnehmen und in mir wuchs immer mehr der Wunsch, in diesem Bereich weiter zu lernen: zum einen, um etwas für mich selbst zu tun (die Wirkung der beiden Fortbildungen war nachhaltiger als alles, was ich bisher kennengelernt hatte, und ich wollte Menschen kennenlernen, die sich ebenfalls mit dem Enneagramm auseinandersetzten und mit ihnen gemeinsam weiterlernen), zum anderen, um dieses Wissen auch mit anderen Menschen teilen zu können - zu lernen, es mitteilen und weitergeben zu können.

So begann ich im Dezember 2004 mit der Weiterbildung zur Enneagrammlehrerin, die dann mein ganzes bisheriges Leben vollständig veränderte. Die intensiven Erfahrungen des gemeinsamen Lernens in der Weiterbildung waren für mich der Höhepunkt meiner bisherigen Lernerfahrungen: In einer bis dahin nicht gekannten Tiefe und Wahrhaftigkeit gingen wir als Gruppe diesen Weg gemeinsamen Lernens und Wachsens, der beileibe nicht immer einfach war. Ich lernte zudem hier meinen jetzigen Partner kennen und lieben und bekam im April 2006 eine Tochter, die mein Leben auf wunderbare Weise verändert und bereichert und mir die Möglichkeit zu täglichem Neu- und Dazulernen schenkt.

Zum ersten Mal in meinem Leben fühle ich mich wirklich reif für das Leben. Ich habe das Gefühl, meinen Platz im Leben gefunden zu haben, das zu Tuende tun zu können. Die Sinnfrage stellt sich mir derzeit nicht, ich empfinde mein Leben als zutiefst sinnvoll. Ich bin weiterhin eine Lernende und Suchende und werde es hoffentlich immer bleiben. Immer wieder stoße ich, vor allem in nahen Beziehungen, an meine mustertypischen Grenzen, ich beobachte, wie meine mustertypischen Automatismen ablaufen und es kostet mich viel Kraft, entgegen diesen Automatismen zu handeln. Allerdings ist das Glück, welches mir dadurch immer wieder zuteil wird, nicht aufzuwiegen; es gibt meinem Leben Sinn, Richtung und Erfülltheit.

Durch das Wissen um meine mustertypischen Begrenztheiten bekomme ich immer mehr eine Idee davon, was für mich ein erfülltes und glückliches Leben ist, was für mich Weiterentwicklung und Wachstum bedeuten. Im alltäglichen Miteinander mit meinem Partner ist das Wissen um die Anderheit des Anderen aus meiner Sicht für die Beziehung lebensnotwendig und schenkt uns - trotz Auseinandersetzungen, gegenseitigen Verletzungen und Missverständnissen - immer wieder Momente der Begegnung, des tiefen Verstehens und der Verbundenheit, die unsere Beziehung tragen und deren Basis sind.

- Marlene -

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